Celestial
Poesie

Manchmal, da wünscht man sich, dass das Leben einen an Orte führt und etwas Verrücktes mit einem macht. Manchmal wird aus Kasperletheater aber einfach ein trauriger Blick ins Poesiealbum.

Als nach einem Agenturbesuch nicht der Bus vor mir hielt, der mich direkt zu meiner Mutter bringen sollte, stieg ich trotzdem ein. "Ich werd schon ankommen", rumpelte es durch meinen Kopf. Die Augen hatten mit halber Aufmerksamkeit einen bekannten Stadtteil gelesen. "Noch einmal 8 Stationen laufen anstatt Bus zu fahren." klingt es in den Ohren.
Da saß ich also zwischen stinkenden und bronchial hustenden Rentnern, jungen, rotgefärbten, kurzhaarigen, fetten Frauen mit kleinwüchsigen Lebensabschnittsgefährten, einer jungen Mutter mit zwei quekenden Kindern und meinem Rucksack voll Unterlagen. Ich drehte die Musik leiser um die Kinder singen zu hören und ich stützte meinen Kopf auf die Hand um in meinen Ärmel zu atmen.

Agenturbesuche machen mich klein und leise. Stadtaufenthalte machen mich porös.

Als der Bus dann tatsächlich eine unbekannte Route fuhr und eine Änderung wegen der Innenstadtveranstaltung nicht mehr rechtfertigen ließ schreckte ich kurz auf. Dieser hauch von panischen Herzschlägen, ein kalter Schauer, ein Hände zu Fäusten ballen und Augen etwas zu weit aufreißen.
Wir halten an der Berufsschule. Ich denke an ihn, an alte Klassenkameraden, die Ausbildung, schlaflose Nächte wegen Buchhungssätzen. Wir halten vor dem Friedhof. Ich denke an die Beerdigung des Nachbarsjungen, der erstochen wurde, an den Vater des Azubis, an den verunfallten besten Kumpel von ihm. Ich muss bald aussteigen, sonst lande ich im Nirgendwo. Übernächste Haltestelle. Stadtteilplatz.
Das Ghetto wird salonfähig gemacht. Überall aufgerissene Straßen, geschönte Fassaden. Unebener Bürgersteig. Migranten und Rentner, so wie es auch zur Schulzeit war. Ich atme tief und drehe die Musik lauter.

Zwei Straßen überqueren und ich stehe am Schulgelände. Die Schule bekam eine neue Fassade. Die Metallgestänge am Hofeingang sind die selben wie vor acht Jahren. Ich erinnere mich, wie wir in kleinen Gruppen ins Einkaufscenter gingen. Schokomilch, Kekse, Käsebrötchen. Gesunde Ernährung ist Alles. Ich erinnere mich an meinen Ledermantel, hinterhergerufenes, Freunde.
Ohne stehen zu bleiben gehe ich weiter.
Der Bushalteplatz für die Kinder aus dem Umland ist einem Lidl gewichen.
Ich werde langsamer als ich an der besprayten Sporthalle vorbeigehe. Mich an Warterei vor dem Sportunterricht erinnere und meine Klasse bildlich vor mir sehe.
Ich erinnere mich, wie groß wir uns fühlten, wie urkomisch wir zusammen waren und ich stocke, als mir klar wird, dass viele von uns genau wie damals ihren Träumen hinterher hängen, wir unsicher sind, wie bei der ersten Liebe und uns gern vor Verantwortung drücken, wie damals vor dem Vertretungsunterricht.
Bedauern.
Ich gehe zwischen Stadtteilteich, Sporthalle und Sportplatz und bin sprachlos ob des ausgetretenen Pfads, der quer über die Wiese verläuft. Damals bekam ich jeden Morgen nasse Füße, wenn noch Morgentau auf dem Rasen lag. Einige Meter weiter wurde ein Sandweg asphaltiert.
Ich kratze an meiner Schulzeit, beginne zu weinen und muss darüber im gleichen Moment grinsen. Ich haste meinen alten Heimweg, einige steile Treppen und abgelegene Kleinstadtnebenstraßen hoch und stehe an der nächsten Haupstraße.

Der Wind rauscht an den Kopfhörer und huscht in den offenen Mantel.

Ich lache gehässig, als ich Mutter und Freund von der Falschfahrt erzähle und unterschlage wie rührend die Reise für mich war.
27.6.12 00:15
 


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